Rede-Nepalabend-2015

Impressionen aus Nepal

7 Monate nach dem fürchterlichen Erdbeben Ende April 2015

 

 

Liebe Boldefreunde, liebe Freunde und Unterstützer der Namaste Stiftung,

lieber Ram, liebe Andrea!

 

Anfang November kam ich nach einem 4 wöchigen Nepal Aufenthalt zurück, und natürlich stand diese Reise ganz unter dem Eindruck der Erdbeben Katastrophe.

Was war zwischenzeitlich geschehen, wie läuft unsere Hilfe, wie geht es den Menschen in Dhulikhel und Bolde? Ich war sehr gespannt – und ich war erst einmal erschüttert:

 

1. Über das Ausmaß der Zerstörungen vor allem in den ländlichen Gebieten der betroffenen Regionen, und dazu gehört auch der Kavre Distrikt mit Bolde, was ich in dem Ausmaß nicht erwartet habe. Allein in Bolde wurden hunderte Häuser zerstört, alle 4 Schulen müssen größtenteils wieder aufgebaut werden,

 

2. Über die Umstände, unter denen immer noch – und wohl noch lange – die Menschen leben müssen, die ihr Haus und ihr Hab und Gut verloren haben, ein Leben in Zelten, Plastik- und Wellblechverschlägen, in denen sich die Familien mit ihrer oft großen Kinderschar notdürftig eingerichtet haben. Für mich unvorstellbar, wie man dort, v.a. in der Regenzeit, leben und existieren kann.

 

3. Erschüttert war ich über die Zerstörungen an den Durbar Squares in Kathmandu, Lalipur und Bakthapur, aber auch an der so wertvoller historischen Bausubstanz in anderen kleineren Städtchen.

 

Unser Dr. Ram hat in einer Email ca. 2 Wochen nach den Beben, also Anfang Mai, ganz unter dem Eindruck der übermenschlichen Arbeit in seiner Klinik mit der Erstversorgung der dort abgelieferten Verletzten geschrieben:

 

Den fröhlichen, immer lächelnden Nepalesen der Vergangenheit - den gibt es nicht mehr!

 

Lieber Ram, du kennst deine Nepalesen besser als ich, und ich glaube, du findest mit einigem Abstand zu diesen fürchterlichen Wochen ein anderes Urteil über deine Landsleute. Ich komme gleich noch darauf zu sprechen.

 

Was ist in der Zwischenzeit in Nepal passiert?

Natürlich ist der Schutt inzwischen weitgehend weggeräumt, sind Straßen und Wege frei, aber vieles geht nur sehr schleppend voran, und das hat ganz konkrete Gründe:

Nepal musste und muss sich in diesem Jahr ganz enormen Herausforderungen in stellen:

Nach den Beben Ende April und Anfang Mai war erst einmal Monsun, in dem traditionell wenig bewegt werden kann.

 

• Dann nahm die Verabschiedung einer neuen Verfassung alle politischen Kräfte in Anspruch, ging es doch darum, die noch bis vor kurzem wirksamen feudal-monarchischen Strukturen des Landes in eine demokratische, föderale Republik umzuwandeln, die Bildung einer neuen Regierung und die Wahl einer neuen Präsidentin!

 

• Daraus folgten Unruhen und Rebellion in den südlichen Provinzen, im Terai an der Grenze zu Indien, deren Bevölkerung diese Verfassung so nicht akzeptieren will.

 

• Und dann die massive Einmischung Indiens in die innenpolitischen Auseinandersetzungen in Nepal, indem es die aufständischen, indisch stämmigen Minderheiten im Süden Nepals unterstützt, was eine Grenzblockade mit fatalen Auswirkungen auf die nepalesische Wirtschaft zur Folge hat (praktisch 100 % der Energieeinfuhren, Benzin, Kerosin, Gas kommen aus Indien), auf den Handel, den Verkehr und die Grundversorgung der Bevölkerung, inzwischen auch auf die Versorgung der Krankenhäuser.

 

Und das alles in einer Zeit, in der Zehntausende 7 Monate nach dem Beben immer noch in erbarmungswürdig primitiven Notunterkünften, in Staub, Dreck und Schlamm darauf warten, dass ihre Häuser wieder aufgebaut werden und Normalität in ihr Leben einkehrt.

Seit Wochen ist das Land fast lahmgelegt durch die Benzinknappheit, natürlich auch eine enorme Behinderung für die Beseitigung der Erdbebenschäden, dazu braucht man Baumaschinen, LKWs für den Materialtransport für den Wiederaufbau.

 

Es ist hier nicht der Ort für einen politischen Exkurs, aber in all den 4 Wochen, wo ich dort war, die Blockade geht ja schon seit 4 Monaten, war ich fassungslos über diese brutale Blockade Politik gegenüber dem erdbebengeplagten kleinen Nachbarn im Norden. Mir haben die Menschen leid getan, die kein Gas mehr hatten zum Kochen, keinen Sprit für ihre Fahrzeuge.

Man muss das schon erwähnen, weil dieser Konflikt in unseren Medien so gut wie keine Rolle spielt, aber erklärt, warum vieles noch nicht so in die Gänge gekommen ist, wie wir uns das vorstellen.

 

Die SZ berichtete diese Woche erstmals über diesen Konflikt, und in dem Bericht wurde auch unser Dr. Ram über die Situation in seiner Klinik in Dhulikhel interviewt.

 

Die Not und das Elend der Menschen zu erfahren oder in den lokalen Medien mit zu verfolgen, die Unzulänglichkeiten an allen Enden und Ecken, gleichzeitig aber auch die Probleme der Regierung und die Sachzwänge zu sehen, in denen sie steckt, das verursachte schon Magenschmerzen.

 

Und dennoch flog ich nach 4 Wochen mit einer – das mag jetzt komisch klingen – fast beglückten Stimmung nach Deutschland zurück. Die Nepalis haben mir eine Erfahrung mitgegeben, die mich tief beeindruckt hat

In all ihrer Not erlebte ich eine lächelnde Zuversicht, eine Freude und Fröhlichkeit im Umgang miteinander, erlebte ich nicht einmal irgendeine Situation von Aggression, und Gelegenheiten hätte es viele gegeben, wenn man z.B. 2 Tage anstehen muss für 10 Liter Benzin!

 

Das meinte ich, lieber Ram im Urteil über deine Mitmenschen.

 

Die Nepalesen sind ein ganz besonderer Menschenschlag, und ihre Stärke zeigt sich in Zeiten besonderer Herausforderungen in beeindruckender Weise:

 

  1. Sie sind seit Jahrhunderten härteste Arbeit und Entbehrungen gewöhnt, ihnen wird als Bergbauern in steilstem Gelände wirklich nichts geschenkt, auch nicht im Überlebenskampf im chaotischen, gleichwohl faszinierenden Großstadtdschungel von Kathmandu, auch nicht auf den Baustellen am Golf oder anderswo, wo sie für ihre Familien ein Zubrot verdienen. Sie sind harte Arbeit gewöhnt.

 

  1. Sie haben einen bewundernswerten sozialen Zusammenhalt in ihren Familien, in ihren Clans, in ihren Dörfern und Gemeinschaften.

 

  1. Sie haben eine enorme mentale Stärke, die sich aus ihrer alltäglichen, überall sichtbaren tiefen Gläubigkeit speist, die selbstverständliche Ehrerbietung vor hunderten, tausenden Tempelchen, Votivstätten, kleinsten religiösen Hinweisen am Straßenrand, an Mauern und Hausecken, allgegenwärtig!

 

  1. Ich glaube, diese so tief verwurzelte Religiosität begründet ihre phänomenale Gelassenheit, ihre Zuversicht, ja wohl auch ihr Gottvertrauen in ihrem beschwerlichen Alltag.

 

  1. Und: last but not least: sie besitzen eine geradezu unglaubliche Fähigkeit zur Improvisation. Irgendwie finden sie für alles eine verblüffend praktikable Lösung, und - sie lächeln dazu!

 

Ich habe die Flexibilität und Gelassenheit der Menschen täglich bewundern können, z.B. wenn die traditionell überladenen Busse und Kleintransporter einfach, weil eben nur noch wenige wegen des Benzinmangels fahren konnten, noch einmal zusätzlich beladen wurden. Für europäische, zumal deutsche Augen absolut unvorstellbar.

In diesen öffentlichen Bussen, diesen kleinen, hochbockigen indischen Tatas, kommt man der normalen Bevölkerung am nächsten;

innen 60 zusammengepferchte Menschen, auch alte Frauen in ihren bunten Kleidern, Greise, Kinder, Reissäcke, Kartons, Bündel, Kisten und Schachteln aller Art, oben auf dem Dach die jungen, noch einmal 20 – 30 Menschen, und wg. Dashein noch ein paar Ziegen, der Festtagsbraten muss ja auch mit. Du hast bald 2 Kinder auf dem Schoß, und wenn die Mama die Müdigkeit überkommt, ihren Kopf auf der Schulter. Die Straßen sind meist eine Herausforderung, Offroad Pisten, wo es einen mal an die Decke katapultiert oder in die Arme eines Mitreisenden – und wer dabei die Fröhlichkeit der Menschen erlebt, ihre durch das gemeinsame Schicksal zusammengeschweißte Hilfsbereitschaft, ihr Lachen und Scherzen, das völlige Fehlen von Aggression, Missmut oder Ungeduld, der weiß, dass diese Menschen auch mit großen Herausforderungen und Entbehrungen fertig werden.

 

Die haben unsere Hilfe verdient!

 

Es gab und gibt viel internationale Hilfe für die Erdbebenopfer in Nepal. Es wurde aber auch sichtbar und für mich erfahrbar in diesen Wochen, dass manches schief gelaufen ist, dass vieles stockt und nicht vorwärts kommt, dass erst ein kleiner Teil der international bereitgestellten Finanzmittel abgerufen wurde, aus Gründen, die ich schon skizziert habe.

 

Umso befriedigender ist es, dass unsere Hilfe über die Namaste-Stiftung doch anders läuft.

 

Durch eine über 20 jährige Zusammenarbeit mit unseren nepalesischen Freunden entwickelte sich eine stabile, effektive, und ich meine professionelle Form der Unterstützung, wuchs ein – auch auf echter Freundschaft begründetes Vertrauen, das uns sofort und unmittelbar helfen lässt.

Im Verwaltungsstab des Dhulikhel Hospitals unter der Leitung unseres Dr. Ram und seiner Mitarbeiter, im dort angesiedelten Community Department und seinen Ingenieuren werden unsere, werden Ihre Spendenmittel direkt in Projekte investiert, sind Bauvorhaben längst in Planung, wie ich dort einsehen konnte, z.B. der Wiederaufbau vieler, teils völlig zerstörter Außenstationen oder der 4 Schulen in Bolde, in Baluwa, Hindi oder anderswo.

Das ist unser Vorteil, und das wissen Sie, liebe Freunde und Unterstützer – und das wissen und schätzen auch die Menschen in Dhulikhel, in Bolde und im Kavre-Distrikt.

 

Sie helfen einem leidgeprüften, armen, aber großartigen Land, mit wunderbaren, nein, bewundernswerten Menschen, von denen man, was die Bewältigung von Katastrophen und Krisen anbelangt, einiges lernen kann.

Es ist schön, dass wir ihnen helfen können!

 

Nach so vielen Gesprächen mit unseren Freunden in Nepal kann ich Ihnen nur sagen, wie tief dankbar sie der Namaste Stiftung und Ihnen als großzügige und treue Spender sind. Das darf ich ihnen übermitteln.

Diesem Dank unserer nepalesischen Freunde kann ich mich persönlich, aber auch im Namen des gesamten Vorstands, nur anschließen.

Ihnen allen ganz herzlichen Dank, liebe Boldefreunde –

Dhanyavaad und Namaste!

 

Günther Strödel

 

 

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